Liederseelen Meyer, Conrad Ferdinand Liederseelen In der Nacht, die die Bäume mit Blüten deckt, Ward ich von süßen Gespenstern erschreckt, Ein Reigen schwang im Garten sich, Den ich mit leisem Fuß beschlich; Wie zarter Elfen Chor im Ring Ein weißer lebendiger Schimmer ging. Die Schemen hab ich keck befragt: »Wer seid ihr, luftige Wesen? Sagt!« »Ich bin ein Wölkchen, gespiegelt im See.« »Ich bin eine Reihe von Stapfen im Schnee.« »Ich bin ein Seufzer gen Himmel empor!« »Ich bin ein Geheimnis, geflüstert ins Ohr.« »Ich bin ein frommes, gestorbenes Kind.« »Ich bin ein üppiges Blumengewind –« »Und die du wählst, und der's beschied Die Gunst der Stunde, die wird ein Lied.« Conrad Ferdinand Meyer: Sämtliche Werke in zwei Bänden. Vollständiger Text nach den Ausgaben letzter Hand. Mit einem Nachwort von Erwin Laaths, München: Winkler, 1968. Meyer, Conrad Ferdinand 10- München TextGrid, www.editura.de; Digitale Bibliothek. Die historischen Texte und Übersetzungen bleiben unverändert in der Quellfassung. https://www.zeno.org/Literatur/M/Meyer,%20Conrad%20Ferdinand/Gedichte/Gedichte%20%28Ausgabe%201892%29/1.%20Vorsaal/Liederseelen https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/de/