Der Sonnenuntergang Shelley, Percy Bysshe Percy Bysshe Shelley Dichtungen Der Sonnenuntergang. Ein Jüngling war, in dessen zartem Wesen, Wie Licht und Wind in einer duft'gen Wolke, Die vor des blauen Mittags Gluth zergeht, Der Genius sich mit dem Tode stritt. Niemand vermag die süße Lust zu ahnen, Die seinen Odem, gleich dem Zauberbann Der stillen Sommerluft, verstummen machte, Als er mit der Geliebten, welche damals Die Schrankenlosigkeit vereinten Seins Zuerst gekostet, durch ein Feld gewandelt, Das, gegen Ost von einem Hain beschattet, Dem Himmel gegen Westen offen lag. Dort war die Sonne jetzt hinabgesunken, Doch Streifen Golds umsäumten noch die Wolken, Der weiten Grasesebne Spitzen, und Des alten Löwenzahnes grauen Bart, Und lagen auf dem dichten, braunen Wald, Vereinigt mit des Zwielichts Dämmerschatten. Im Ost hob langsam sich des Vollmonds Scheibe Zwischen der Bäume Stämmen hell empor, Und droben schaarten sich die bleichen Sterne. – »Ist es nicht seltsam, Isabella«, sprach Der Jüngling, »dass ich nie die Sonne sah? Wir wollen morgen wieder hieher wandeln, Dann sollst du sie mit mir einmal beschaun.« Der Jüngling und das Mädchen lagen Beide Vereint in Lieb' und Schlummer diese Nacht – Doch als der Morgen kam, da fand das Mädchen Den Freund, den heißgeliebten, todt und kalt. Glaubt nicht, dass Gott in seiner Gnade so Ihn heimgeführt. Das Mädchen starb nicht, ward Wahnsinnig nicht, – sie lebte lange Jahre. Zwar mein' ich, ihre Sanftmuth und Geduld, Ihr traurig Lächeln, und dass sie nicht starb, Nein, weiter lebt', um ihren greisen Vater Zu pflegen, waren eine Art von Wahnsinn, Wenn Wahnsinn anders sein heißt, als die Welt. Denn sie zu sehn nur, war, als ob man lese Ein Lied, das ein geweihter Dichter schuf, Das harte Herzen löst in linde Wehmut. Von Tränen war die Wimper weggesengt, Und Lipp' und Wange wie der Tod so bleich, Die Hände mager, dass durch die Gelenke Und Adern schier des Tages röthlich Licht Durchschien. Das Grab von deinem todten Ich, Das Ein unsteter Geist bei Nacht und Tag Bewohnt, ist Alles, du verlornes Kind, Was noch von dir hienieden übrig blieb! »Der du geerbt mehr, als die Erde beut: Ruh' ohne Leidenschaft und ew'ges Schweigen! Ob Todte finden, o, nicht Schlaf, doch Rast, Und schmerz- und klaglos sind, wie sie uns scheinen; Ob sie fortleben, ob ins tiefe Meer Der Liebe sinken: – o dass meine Grabschrift, Gleich deiner, ›Frieden‹ lautete!« Dies war Die einz'ge Klage, die sie je gesprochen. Shelley, [Percy Bysse]: Ausgewählte Dichtungen. Übers. v. Adolf Strodtmann, Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, [o. J.] Shelley, Percy Bysshe 310- Leipzig TextGrid, www.editura.de; Digitale Bibliothek. Die historischen Texte und Übersetzungen bleiben unverändert in der Quellfassung. https://www.zeno.org/Literatur/M/Shelley,%20Percy%20Bysshe/Lyrik/Dichtungen/Der%20Sonnenuntergang https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/de/