Zeilen an Fanny Keats, John Zeilen an Fanny Was kann ich tun, um meinen Augen Erinnrung zu entziehn? Warst du doch nah; Erst eine Stunde ging, seit ich dich sah, Mit durstigem Blick dein Bildnis aufzusaugen. Berührung hat Gedächtnis! Lieb, o sage, Wie kann ich das ertöten? Wie rett ich mich aus diesen tiefen Nöten, Dass ich in aller Freiheit wieder rage? Wenn jeder Schönen, die ich sah, mein Fang Geschickt gelang, So riss doch bald die schlechtgewebte Schlinge, Und ich entsprang! Ob dürftige, ob farbenbunte Dinge – Ich fühlte meiner Muse Flügel, Ich hielt die Zügel! Und stets war ihre Kraft bereit Sich meinem Wunsch zu schenken, Der ohne nachzudenken Doch thronte in erhabner Göttlichkeit. In Göttlichkeit! – Der Vogel, den sein Flug Hintanzend über Meeresrauschen trug, Wird er im heitren Steigen, Neigen, Senken – Ein Philosoph – an Ziel und Absicht denken? Wie soll ich tun, Von neuem nun. Verlorne Federn wiederzuempfangen, Empor, empor, Bis drunten Amors Flattern sich verlor, In ewigreinen Äther zu gelangen? – Berausche dich in Wein! – Das ist gemein, Ist Sünde, Ketzerei, Die das Gesetz der Liebe schmählich schändet. Nein, – nur den Frohen macht das Trinken frei, Doch mir ist Leid gesendet! – Wie soll ich wissen, wo mein Friede sei? Und wie mich stählen, jenem grausigen Lande, Dem Kerker meiner Freude, fern zu bleiben: Dem eklen Strande, An dem sie scheiterten und haltlos treiben; Der fürchterlichen Welt, wo trübe Flüsse Die schmutzigen Wellen an die Ufer spülen Und nie die Nähe heitrer Götter fühlen – Wo rauher Wind beeiste Ruten schwingt Und Geißelhiebe bringt Und wilden Schmerz als einzige Genüsse – Wo blind und schwarz erfrorne Wälder ragen, Dryaden schreckend –, wo verdorrtes Gras, Des dürren Ochsen widerlicher Fraß, Die Wiesen deckt, die keine Blumen tragen – Wo niemals lockt ein lieber Vogelruf: Dem Land, das die Natur im Zorn erschuf! O dass ein Wunder käme! Dass Sonne diese Höllenschatten nähme! Sie müssen fort! – Bei Tages Dämmerschein Ist meine Dame mein! O meiner Seele Lust: Noch einmal ruhn auf dieser süßen Brust! Noch einmal meine Arme fühlen lassen, Dass sie als Kerkermeister dich umfassen! Noch einmal mich an deinen Atem drängen, Dass seine Düfte in mein Haar sich hängen! Du tiefe Süße solcher Qual – O küß mich noch einmal! Genug! genug! Es ist genug für mich: Find ich im Traume dich! Keats, John: Gedichte. Übertragen von Gisela Etzel, Leipzig: Insel Verlag, [1910]. Keats, John 97- Leipzig TextGrid, www.editura.de; Digitale Bibliothek. Die historischen Texte und Übersetzungen bleiben unverändert in der Quellfassung. https://www.zeno.org/Literatur/M/Keats,%20John/Lyrik/Gedichte%20%28Auswahl%29/Zeilen%20an%20Fanny https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/de/