Die Töne Günderode, Karoline von Die Töne Ihr tiefen Seelen, die im Stoff gefangen, Nach Lebensodem, nach Befreiung ringt; Wer löset eure Bande dem Verlangen, Das gern melodisch aus der Stummheit dringt? Wer Töne öffnet eurer Kerker Riegel? Und wer entfesselt eure Aetherflügel? Einst, da Gewalt den Widerstand berühret, Zersprang der Töne alte Kerkernacht; Im weiten Raume hier und da verirret Entflohen sie, der Stummheit nun erwacht, Und sie durchwandelten den blauen Bogen Und jauchzten in den Sturm der wilden Wogen. Sie schlüpften flüsternd durch der Bäume Wipfel Und hauchten aus der Nachtigallen Brust, Mit mutigen Strömen stürzten sie vom Gipfel Der Felsen sich in wilder Freiheitslust. Sie rauschten an der Menschen Ohr vorüber, Er zog sie in sein innerstes hinüber. Und da er unterm Herzen sie getragen, Heist er sie wandlen auf der Lüfte Pfad Und allen den verwandten Seelen sagen, Wie liebend sie sein Geist gepfleget hat. Harmonisch schweben sie aus ihrer Wiege Und wandlen fort und tragen Menschenzüge. Karoline von Günderode: Gesammelte Werke. Herausgegeben von Leopold Hirschberg. Band 1–3, Berlin-Wilmersdorf: Bibliophiler Verlag von O. Goldschmidt-Gabrielli, 1920–1922. Günderode, Karoline von 9- Berlin-Wilmersdorf TextGrid, www.editura.de; Digitale Bibliothek. Die historischen Texte und Übersetzungen bleiben unverändert in der Quellfassung. https://www.zeno.org/Literatur/M/G%C3%BCnderode,%20Karoline%20von/Gedichte/Gedichte%20aus%20dem%20Nachla%C3%9F/Die%20T%C3%B6ne https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/de/