Angstgebet in Wohnungsnot (1923) Ringelnatz, Joachim Angstgebet in Wohnungsnot (1923) Ach, lieber Gott, gib, dass sie nicht Uns aus der Wohnung jagen. Was soll ich ihr denn noch sagen – Meiner Frau – in ihr verheultes Gesicht!? Ich ringe meine Hände. Weil ich keinen Ausweg fände, Wenn's eines Tags so wirklich wär: Bett, Kleider, Bücher, mein Sekretär, – Dass das auf der Straße stände. Sollt ich's versetzen, verkaufen? Ist all doch nötigstes Gerät. Wir würden, einmal, die Not versaufen, Und dann: Wer weiß, was ich tät. Ich hänge so an dem Bilde, Das noch von meiner Großmama stammt. Gott, gieße doch etwas Milde Über das steinerne Wohnungsamt. Wie meine Frau die Nacht durchweint, Das barmt durch all meine Träume. Gott, lass uns die lieben zwei Räume Mit der Sonne, die vormittags hinein scheint. Joachim Ringelnatz: Das Gesamtwerk in sieben Bänden. Herausgegeben von Walter Pape, Band 1: Gedichte, Band 2: Gedichte, Band 3: Dramen, Band 4: Erzählungen, Band 5: Vermischte Prosa, Band 6: Mein Leben bis zum Kriege, Band 7: Als Mariner im Krieg, Zürich: Diogenes, 1994. Ringelnatz, Joachim 271- Zürich TextGrid, www.editura.de; Digitale Bibliothek. Die historischen Texte und Übersetzungen bleiben unverändert in der Quellfassung. https://www.zeno.org/Literatur/M/Ringelnatz,%20Joachim/Gedichte/Allerdings/Angstgebet%20in%20Wohnungsnot%20%281923%29 https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/de/