Die gefesselten Musen Meyer, Conrad Ferdinand Die gefesselten Musen Es herrscht' ein König irgendwo In Dazien oder Thrazien, Den suchten einst die Musen heim, Die Musen mit den Grazien. Statt milden Nektars, Rebenblut Geruhten sie zu nippen, Die Seele des Barbaren hing An ihren sel'gen Lippen. Erst sang ein jedes Himmelskind Im Tone, der ihm eigen, Dann schritt der ganze Chor im Takt Und trat den blühenden Reigen. Der König klatschte: »Morgen will Ich wieder euch bestaunen!« Die Musen schüttelten das Haupt: »Das hangt an unsern Launen.« »An euren Launen?...« Der Despot Begann zu schmähn und lästern. »Ihr Knechte«, schrie er, »Fesseln her!« Und fesselte die Schwestern. Der König wacht' um Mitternacht Vernahm er leises Schreiten, Geflüster: »Seid ihr alle da?« Und Schüttern zarter Saiten. Er fuhr empor. »Den hellen Chor Ergreift, getreue Wächter!« Die Schergen griffen in die Luft Und silbern klang Gelächter. Am Morgen war der Kerker leer, Der Reigen über die Grenze – Drin hingen statt der Ketten schwer Zerrißne Blumenkränze. Conrad Ferdinand Meyer: Sämtliche Werke in zwei Bänden. Vollständiger Text nach den Ausgaben letzter Hand. Mit einem Nachwort von Erwin Laaths, München: Winkler, 1968. Meyer, Conrad Ferdinand 26- München TextGrid, www.editura.de; Digitale Bibliothek. Die historischen Texte und Übersetzungen bleiben unverändert in der Quellfassung. https://www.zeno.org/Literatur/M/Meyer,%20Conrad%20Ferdinand/Gedichte/Gedichte%20%28Ausgabe%201892%29/1.%20Vorsaal/Die%20gefesselten%20Musen https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/de/