Der Gang zum Grabe Hensel, Luise Der Gang zum Grabe Da getan des Tages Pflicht Und das Werk entsinkt den Händen, Will ich nun im Dämmerlicht Mich vom Lärm des Tages wenden; Seine Freuden such' ich nicht. Wanke mit gebeugtem Muth Müden Schritt's zum stillen Haine, Wo der treue Bruder ruht – O, der viel beweinte Eine, Er, so bieder, fromm und gut. Seit mit Trauer tief erfüllt Hat sein Tod mein inn'res Leben, Muss fortan mein äußres Bild Immer davon Zeugniß geben, Geh' ich nur in Schwarz gehüllt. Zweimal hat der Lenz geblüht, Und der Sommer brachte Garben, Und der Herbst ist still verglüht, Seit mit ihm die Blumen starben Um mich her wie im Gemüt. Nun zum dritten Mal der Nord Hält sein Grab mit Eis ummauert, Hat das Bäumlein ausgedorrt, Das an seinem Hügel trauert, An dem schmerzlich lieben Ort. Aber immer frisch mein Leid, Immer gleich des Herzens Grämen, Ob sie sagen, dass die Zeit Muss dem Schmerz die Schärfe nehmen; Tiefes Leid kennt keine Zeit. Nicht dass Gott der Herr ihn nahm Aus dem leidenvollen Leben, Aber dass zu spät ich kam, Den ersehnten Trost zu geben: Das erfüllt mein Herz mit Gram. »Müde bin ich, geh' zur Ruh,« Sang ich in der Jugend Tagen. »Schließe beide Augen zu!« Wird nun bald der Tod mir sagen. Herr, mein Gott! das walte Du! – Louise Hensel: Lieder. 4. vermehrte Auflage, Paderborn: Druck und Verlag von Ferdinand Schöningh, 1879. Hensel, Luise 325- 1879 Paderborn TextGrid, www.editura.de; Digitale Bibliothek. Die historischen Texte und Übersetzungen bleiben unverändert in der Quellfassung. https://www.zeno.org/Literatur/M/Hensel,%20Luise/Gedichte/Lieder%20%28Ausgabe%20von%201879%29/Anhang/Der%20Gang%20zum%20Grabe https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/de/