Wiedersehen Christen, Ada Wiedersehen In bangen Nächten, wenn der graue Wahnsinn Mit dürren Fingern an das Hirn mir pochte, Wenn glüh'nde Tränen meine Kissen netzten, Mein wildes Herz vor Zorn und Sehnsucht kochte – In solchen Nächten war mir der Gedanke, Dass Du noch lebst, dass ich Dich wiedersehe, Ein Stern, nach dem ich zitternd hob die Hände – Und trotzig weiter schleppt' ich dann mein Wehe. Ich sah Dich wieder – wieder plötzlich flammten Sie alle auf, die alten Wahnsinnsgluthen, Der wilde Zorn, der Schmerz, die herbe Liebe – Es war, als müsste ich vor Dir verbluten. Du aber standest mit dem argen Lächeln, Das mir bekannt aus gottverfluchten Tagen; Der fahle Blick macht mir das Herz erstarren: Es war ein freches, antwortsich'res Fragen! Und Deine Hände streckten fieberglühend Sich plötzlich so begehrend mir entgegen, Und mehr und mehr sah ich Dein Bild erblassen, Das mich begleitet einst auf allen Wegen: »Das ist er nicht!« schrie es in meiner Seele, »So war er nie, so kann er nimmer werden.« Wofür wär' meine Seligkeit verspielet, Wofür wär' ich verflucht – verflucht auf Erden! – – Ada Christen: Aus der Asche. Neue Gedichte, Hamburg: Hoffmann & Campe, 1870. Christen, Ada 5- Hamburg TextGrid, www.editura.de; Digitale Bibliothek. Die historischen Texte und Übersetzungen bleiben unverändert in der Quellfassung. https://www.zeno.org/Literatur/M/Christen,%20Ada/Gedichte/Aus%20der%20Asche/Nachkl%C3%A4nge/Wiedersehen https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/de/