Sexuelle Aufklärung Tucholsky, Kurt Sexuelle Aufklärung Tritt ein, mein Sohn, in dieses Varieté! Die heiligen Hallen füllt ein lieblich Odium von Rauchtabak, Parfums und Eßbüffé. Die blonde Emmy tänzelt auf das Podium, der erste und der einzige Geiger schmiert ›Kollodium‹ auf seine Fiedel für das hohe C . . . So blieb es, und so ists seit dreißig Jahren – drum ist dein alter Vater mit dir hergefahren. Sieh jenes Mädchen! Erster Jugendblüte leichtrosa Schimmer ziert das reizende Gesicht. So war sie schon, als ich mich noch um sie bemühte, und wahrlich: ich blamiert mich nicht! Siehst du sie jetzt, wie sie voll Scham erglühte? Was flüstert sie? »Det die de Motten kricht . . . !« Wie klingt mir dieser Wahlspruch doch vertraut aus jener Zeit, da ich den Referendar gebaut! Sei mir gegrüßt, du meine Tugendlilie, du altes Flitterkleid, du Tamburin! Nimm du sie hin, mein Sohn – es bleibt in der Familie – und lern bei ihr: es gibt nur ein Berlin! Nun aber spitz die Ohren, denn gleich singt Ottilie ihr Lieblingslied vom kleinen Zeppeliihn . . . Kriegst du sie nicht, soll dich der Teufel holen! Verhalt dich brav – und damit Gott befohlen! · Theobald Tiger Die Schaubühne, 23.10.1913, Nr. 43, S. 1040, wieder in: Fromme Gesänge. Kurt Tucholsky: Gesammelte Werke in zehn Bänden. Herausgegeben von Mary Gerold-Tucholsky und Fritz J. Raddatz, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag, 1975. Tucholsky, Kurt 122- Hamburg TextGrid, www.editura.de; Digitale Bibliothek. Die historischen Texte und Übersetzungen bleiben unverändert in der Quellfassung. https://www.zeno.org/Literatur/M/Tucholsky,%20Kurt/Werke/1913/Sexuelle%20Aufkl%C3%A4rung https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/de/